Beruht auf einer wahren Begebenheit…

By virtuelles_licht

Ich werde wach…

…wobei es das irgendwie nicht ganz trifft.

Ich bin plötzlich da, von dort gekommen, ganz plötzlich hier.

Schlecht geht es mir nicht, ich fühle mich gut, habe keine Schmerzen, habe keine Angst, nichts beunruhigt mich.

Ich sehe nur schwarz, aber auch das ist nicht alarmierend, denn ich muss nur daran denken, dass dieses Schwarz wohl ein ganz dunkles Rot sein muss, denn es scheint mir so, als wäre es einmal rot gewesen.

Ich komme auf die Idee, dass es genau die gleiche Farbe ist, die man bei geschlossenen Augen und ein wenig Licht draußen sieht.

Oder besser: Wahrnimmt.

Ich frage mich, ob meine Augen wohl offen sind und will sie öffnen, doch…

…sie sind weg.

Ich finde das ganze immer noch nicht beunruhigend oder besorgniserregend, es ist eher ein Gefühl, wie das, das man hat, wenn man zwar die Schlüssel gleich nicht findet, aber sich absolut sicher ist, dass man sie im Wohnzimmer auf dem Tisch gesehen hat.
Man muss nur hingehen und sie holen, sie sind nicht wirklich weg.

So fühle ich mich, als ich merke, dass meine Augen nicht da sind.

Ich habe mal eine Zeit lang diesen ganzen autogenen Trainingskram mitgemacht. Entspannungsübungen und sich selbst einreden, wie warm doch das Brustbein ist, bis man es glaubt zu spüren.

Ich muss daran denken und versuche mir vorzustellen, wie ich meinen Augenlidern den Befehl gebe sich zu öffnen.
Normalerweise fühlt man ja nicht, wie die elektrischen Impulse über die Nerven huschen, die die Befehle des Gehirns an die Körperteile weitergeben, aber ich versuche mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, male mir aus, wie es aussieht, wenn sich die Lider heben, wie mich das Licht blendet…

…doch da sind keine Augenlider und keine Augen.

Ich versuche noch eine Weile diese Visualisierungstricks, doch dann schreibe ich meine Augen vorerst ab.

Ich werde sie später suchen.

Ich habe immer noch keine Angst, ich bin sicher, dass alles mit rechten Dingen zu geht, dass vielleicht etwas nicht ganz stimmt, aber es ist nichts Schlimmes.

Mir fehlen einfach nur meine Augen und meine Augenlider.

Ich mache mich auf den Rest meines Körpers zu inspizieren, ob noch etwas fehlt.

Wenn etwas kaputt geht oder etwas zerstört wird, dann muss man kontrollieren, was einem noch zu Verfügung steht, welche Systeme noch intakt sind, welche Routen in Krisengebieten noch zu befahren sind.

Solche merkwürdigen Gedanken habe ich, als ich versuche meine Arme zu bewegen.

Doch da sind keine Arme.

Ich spüre keinen Stoff auf meinen Armen, keinen Stein unter meinen Händen, keine Uhr an meinem Handgelenk und auch keine Ringe an den Fingern.

Ich kann meine Arme weder fühlen, geschweige denn bewegen, denn da sind keine Arme.

Erst als ich versuche meine Beine zu finden wird mir klar, dass ich nur Geist bin.

Ich bin nur meine Gedanken, meine Erinnerungen und meine Gefühle, ich habe irgendwo mein Außen eingebüßt und schwebe in diesem schwarzen Rot.

Wobei es „schweben“ nicht trifft, denn um zu merken, dass ich schwebe, bräuchte ich einen Körper, ein Gleichgewichtsorgan, das wahrnehmen könnte, dass ich schwebe, doch all das habe ich nicht mehr.

Ich bin hier, weiß nur dass ich bin, weil ich denke und ich bin ganz allein.

Ich habe keine Hülle mehr, nur noch das, was einmal in der Hülle war und ich bekomme Panik.

Es ist eine seltsame Panik, denn mein Atem kann sich nicht beschleunigen, mein Puls nicht rasen und ich kann nicht schwitzen.

Ich kann nur schreien, doch es ist ein lautloses Schreien, der Versuch einer Seele ohne Körper zu schreien…

…bloß der verzweifelte Gedanke an einen lauten Schrei.

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