Archiv für Juni 2008

Arschlochkinder

30. Juni 2008

Irgendwie komme ich mir in letzter Zeit vor wie eine von jenen alten Weibern, die nicht anderes können, als über „die Jugend“ zu lästern, aber über diese kleinen Monster her zu ziehen, die manche Eltern stolz als ihren Nachwuchs präsentierten, ist mitunter irgendwie notwendig, denn es sind schließlich auch Monster.

Aber der Mittermeier tat’s ja auch und nannte diese kleinen Monster „Arschlochkinder“ und hatte riesen Erfolg damit. Vielleicht ist also was dran an den „Arschlochkindern“. Aber ich denke mittlerweile, dass es eher „Arschlocheltern“ gibt.
Meist so etwa in meinem Alter und irgendwie weltfremd, was die Erziehung von Kindern und Rüchsichtnahme auf Mitmenschen angeht.

Ein Beispiel: Ein großer H&M in der Innenstadt, irgendwann am frühen Nachmittag, Umkleidekabine.
Ich gehe mit einer Jeans in der Hand in Richtung Umkleide, als mir eine Frau mit einigen Klamotten auf dem Arm entgegenkommt und mit einem dünnen Stimmchen sagt: „Komm, Marvin!“. Sie bertachtet, wie im Schlafwandel, die vielen schönen bunten Klamotten und schwebt an mir vorbei.
Ich denke mir nichts dabei, bis ich die Schwingtür einer Kabine auf mache. Da sitzt ein Baby im Strampler auf dem Boden. Alt genug, um aufrecht sitzen zu können, aber noch weit entfernt von irgendwelchen Laufübungen. Der Kleine lacht mich an. Das muss wohl Marvin sein. Ich möchte ja nicht übervorsichtig sein, aber er macht den Eindruck, als würde es ihm Freude bereiten unter den Kabinen, deren Wände nicht bis auf den Boden reichen, durchzukrabbeln. Mir solls recht sein, wenn er mich nackt sieht, wird ihm das sicher keinen Schock bereiten, aber andere könnten sich vielleicht durch ein Baby irgendwie unwohl fühlen, vor allem, wenn es so überraschend zwischen den Beinen auftaucht. Abgesehen von der Rücksicht den anderen Leuten in den Kabinen gegenüber, denke ich nur an zwei Sachen: Schwingtür und Babykopf. Etwas unschlüssig lächle ich Marvin an und halte die Tür fest, denn im Sitzen würde sie ihn sicher genau erwischen. Ich mache sie dann doch vorsichtig zu und schaue nach der Mutter und entdecke sie bei den Herrenhemden, einige Meter weg von den Umkleiden und sie könnte Marivn höchstens im Auge behalten, wenn sie einen Röntgenblick inklusive Adleraugenfunktion hat. Aus der Ferne höre ich noch ihr verträumtes: „Marvin….kommst Du, Schatz?“
Ich bleibe noch eine Weile bei Marvin stehen, denn ich bin neugierig, wie das ganze ausgeht und will auch nicht, dass der Kleine eine Platzwunde als erstes Andenken aus einem H&M mit nach Hause nimmt.
Mama erbarmt sich dann irgendwann und holt Marvin aus dem Kabinenwunderland ab und beginnt ihm wunderbar zu erklären, wieso Mama ihn geholt hat.
Irgendwie werde ich neugierig und schaue mir die zwei noch eine Weile an. Ein gut aussehender Mann kommt auf die beiden zu und nimmt den kleinen Marvin auf den Arm. Das ist dann wohl Papa. Er trägt seinen Sohn weit ausladend auf die Hüfte gestützt durch den H&M und schaut sich um. Ich beginne schon das Interesse zu verlieren, als Papa sich mit Marvin durch zwei Kleiderständer quetschen will. Er könnte etwas sagen oder einfach Marvin nur näher an seine Brust nehmen und hätte schon verhindert, dass sein Gegenüber halb in die dreiviertel langen Mäntel hechten muss oder Marvin mit der jungen Frau zusammen prallt.
Aber man hat ja ein kleines Kind. Da müssen die Anderen schon Verständnis haben, dass man so gestresst ist und nicht immer auf Andere oder das eigene Kind achten kann. Das müssen dann schon die Anderen machen. Wenn nicht, sind es egoistische Kinderhasser, die nicht wissen, was man heute so auf sich nimmt, wenn man sich für ein Kind entscheidet.

Keeping it true

30. Juni 2008

Die eigene Unverwechselbarkeit ist manchem durchaus wichtig. Man ist sich bewusst, dass man nicht one of the crowd ist und möchte sich diesen sorgsam gepflegten Status beibehalten.

Natürlich gibt es auch die andere Seite, Menschen, denen es wichtig ist dazu zu gehören, sich im Strom zu bewegen wie ein Fisch und bei allen Trends Bescheid zu wissen, um nicht außen vor zu stehen.

Mal so zwei platte Kategorien.

Die eine Gruppe ist ständig auf der Suche nach etwas, sei es Musik, Kleidung, Kultur oder Kommerz, das sie von der anderen Gruppe möglichst deutlich unterscheidet.

Hier waren die ersten, die zu weite Hosen ohne Gürtel trugen, hier waren die ersten, die sich komplett schwarz im Stil des vorvorletzten Jahrhunderts kleideten, hier waren auch die, die zuerst fest stellten, dass man Musik auch völlig elektronisch gestalten kann.
Es wurden Zeichen gesetzt und neu definiert, wie die Kufiya, auch als „Palästinensertuch“ bekannt oder der Mercedes-Stern zum Schmuck gemacht.

Egal, aus welchem kulturellen, modischen oder musikalischen Bereich diese Leute kamen, eines haben sie gemeinsam: Sie sind Trendsetter.

Auch, wenn selten die Intention dahinter steckt, dass aus einer Idee ein Trend wird, so sind doch meist diese Symbole der Andersartigkeit, die es dann irgendeine Modewelle auslösen und es so in die andere Gruppe, den Mainstream schaffen.

Coolhunter und Trendsucher werden von Firmen eigens angeheuert, um sich in den vielversprechendsten Vierteln einer Stadt herumzudrücken und die neuesten Symbole aufzuspüren, die wohl ein Trend werden können.

Gut sind sie und gut bezahlt werden sie, wenn sich ein Symbol, auf das sie setzen, wirklich ein gutes Zugpferd ist und einen solchen Trend hinter sich her zieht.

Eigentlich müssten sie bei diesen unfreiwilligen Trendsettern noch mehr verhasst sein, als die Massen, die ihnen folgen.
Immerhin wird diesen Originalen ein Stück ihrer Originalität genommen. Etwas, das eine persönliche Bedeutung für einen hat und sei es, dass man als erster auf die Idee gekommen ist, seine Chucks ohne Schnürsenkel zu tragen, weil der beste Kumpel für ein Jahr nach Amerika geflogen ist und er das Gleiche getan hat.

Wenn ein Trendsetter daraus einen Trend macht, wird das Symbol seiner Bedeutung beraubt, denn es wird von vielen getragen und was das gespenstischste ist:
Es wird oft getragen, ohne dass der Sinn dahinter bekannt ist.

Ich erinnere nur mal an chinesische Schriftzeichen als Tattoos!
Viele wussten nicht mal aus welcher Sprache das war, was sie sich da stechen ließen und bei manchen standen dann wirklich obszöne oder beleidigende Sprüche auf der Haut, weil man bloß einem Trend folgen wollte und sich nicht wirklich mit dem, was man wollte, auseinandergesetzt hat.

…da komm’ ich doch auf diese in Mangas ersaufenden „mata neeee!“- und „kaaawaaaiii“-Tussis, die Kajal verschwendend ihre Idole aus Japan anschmachten und sich für so emo, weltgewandt und absolut japanisch halten…

…ganbatte kudasai!

…aber ich greife vor.

Es gibt also jene, die wissen, was sie tun, jene, die daraus Profit schlagen und jene, die der Masse folgen.
Natürlich gibt es auch noch Mischlinge, die der Masse folgen und dennoch wissen, was sie tun oder sich ihre Perlen und Symbole auch aus dem Angebot der Masse zu fischen wissen, aber eine gewisse Feindseligkeit zwischen diesen gefühlten zwei Lagern gibt es immer irgendwie.

Man sehe sich nur die Diskussionen um die Emos an.
Viele winken ab und meinen, dass die meisten eh nur kleine Kiddies sind, die keinen Blassen von der Bewegung an sich haben und keine echten Emos sind.

Aber das liest man nicht nur bei Emos. Man kann das gleiche auch über jede andere Bewegung, Moderichtung oder Fans von bestimmter Musik lesen.

Die einen sind true, die anderen nur Mitläufer.

Die Masse als Hassobjekt.

An sich kann man ja einen gewissen Nestneid verstehen. Schon ätzend, wenn da plötzlich alle etwas toll finden, dass man vorher mit großer Liebe pflegen und vielleicht auch immer erst einmal suchen musste.
Oder überhaupt erst einmal finden.

Allerdings finde ich die Aussage eines NIN-Fans in einem entsprechenden Forum etwas albern, dass er seit der Veröffentlichung von „Only“ kein NIN mehr hört, da zu viele Menschen NIN mögen und hören würden und er es scheiße findet.

Stellt sich die Frage, ob er die band dann überhaupt je mochte oder doch selbst ein jemand war, der anderen gefolgt ist und nur dachte, NIN hören sei ja soooo cool und ungewöhnlich

Beruht auf einer wahren Begebenheit…

16. Juni 2008

Ich werde wach…

…wobei es das irgendwie nicht ganz trifft.

Ich bin plötzlich da, von dort gekommen, ganz plötzlich hier.

Schlecht geht es mir nicht, ich fühle mich gut, habe keine Schmerzen, habe keine Angst, nichts beunruhigt mich.

Ich sehe nur schwarz, aber auch das ist nicht alarmierend, denn ich muss nur daran denken, dass dieses Schwarz wohl ein ganz dunkles Rot sein muss, denn es scheint mir so, als wäre es einmal rot gewesen.

Ich komme auf die Idee, dass es genau die gleiche Farbe ist, die man bei geschlossenen Augen und ein wenig Licht draußen sieht.

Oder besser: Wahrnimmt.

Ich frage mich, ob meine Augen wohl offen sind und will sie öffnen, doch…

…sie sind weg.

Ich finde das ganze immer noch nicht beunruhigend oder besorgniserregend, es ist eher ein Gefühl, wie das, das man hat, wenn man zwar die Schlüssel gleich nicht findet, aber sich absolut sicher ist, dass man sie im Wohnzimmer auf dem Tisch gesehen hat.
Man muss nur hingehen und sie holen, sie sind nicht wirklich weg.

So fühle ich mich, als ich merke, dass meine Augen nicht da sind.

Ich habe mal eine Zeit lang diesen ganzen autogenen Trainingskram mitgemacht. Entspannungsübungen und sich selbst einreden, wie warm doch das Brustbein ist, bis man es glaubt zu spüren.

Ich muss daran denken und versuche mir vorzustellen, wie ich meinen Augenlidern den Befehl gebe sich zu öffnen.
Normalerweise fühlt man ja nicht, wie die elektrischen Impulse über die Nerven huschen, die die Befehle des Gehirns an die Körperteile weitergeben, aber ich versuche mir vorzustellen, wie sich das anfühlt, male mir aus, wie es aussieht, wenn sich die Lider heben, wie mich das Licht blendet…

…doch da sind keine Augenlider und keine Augen.

Ich versuche noch eine Weile diese Visualisierungstricks, doch dann schreibe ich meine Augen vorerst ab.

Ich werde sie später suchen.

Ich habe immer noch keine Angst, ich bin sicher, dass alles mit rechten Dingen zu geht, dass vielleicht etwas nicht ganz stimmt, aber es ist nichts Schlimmes.

Mir fehlen einfach nur meine Augen und meine Augenlider.

Ich mache mich auf den Rest meines Körpers zu inspizieren, ob noch etwas fehlt.

Wenn etwas kaputt geht oder etwas zerstört wird, dann muss man kontrollieren, was einem noch zu Verfügung steht, welche Systeme noch intakt sind, welche Routen in Krisengebieten noch zu befahren sind.

Solche merkwürdigen Gedanken habe ich, als ich versuche meine Arme zu bewegen.

Doch da sind keine Arme.

Ich spüre keinen Stoff auf meinen Armen, keinen Stein unter meinen Händen, keine Uhr an meinem Handgelenk und auch keine Ringe an den Fingern.

Ich kann meine Arme weder fühlen, geschweige denn bewegen, denn da sind keine Arme.

Erst als ich versuche meine Beine zu finden wird mir klar, dass ich nur Geist bin.

Ich bin nur meine Gedanken, meine Erinnerungen und meine Gefühle, ich habe irgendwo mein Außen eingebüßt und schwebe in diesem schwarzen Rot.

Wobei es „schweben“ nicht trifft, denn um zu merken, dass ich schwebe, bräuchte ich einen Körper, ein Gleichgewichtsorgan, das wahrnehmen könnte, dass ich schwebe, doch all das habe ich nicht mehr.

Ich bin hier, weiß nur dass ich bin, weil ich denke und ich bin ganz allein.

Ich habe keine Hülle mehr, nur noch das, was einmal in der Hülle war und ich bekomme Panik.

Es ist eine seltsame Panik, denn mein Atem kann sich nicht beschleunigen, mein Puls nicht rasen und ich kann nicht schwitzen.

Ich kann nur schreien, doch es ist ein lautloses Schreien, der Versuch einer Seele ohne Körper zu schreien…

…bloß der verzweifelte Gedanke an einen lauten Schrei.