Irgendwie komme ich mir in letzter Zeit vor wie eine von jenen alten Weibern, die nicht anderes können, als über „die Jugend“ zu lästern, aber über diese kleinen Monster her zu ziehen, die manche Eltern stolz als ihren Nachwuchs präsentierten, ist mitunter irgendwie notwendig, denn es sind schließlich auch Monster.
Aber der Mittermeier tat’s ja auch und nannte diese kleinen Monster „Arschlochkinder“ und hatte riesen Erfolg damit. Vielleicht ist also was dran an den „Arschlochkindern“. Aber ich denke mittlerweile, dass es eher „Arschlocheltern“ gibt.
Meist so etwa in meinem Alter und irgendwie weltfremd, was die Erziehung von Kindern und Rüchsichtnahme auf Mitmenschen angeht.
Ein Beispiel: Ein großer H&M in der Innenstadt, irgendwann am frühen Nachmittag, Umkleidekabine.
Ich gehe mit einer Jeans in der Hand in Richtung Umkleide, als mir eine Frau mit einigen Klamotten auf dem Arm entgegenkommt und mit einem dünnen Stimmchen sagt: „Komm, Marvin!“. Sie bertachtet, wie im Schlafwandel, die vielen schönen bunten Klamotten und schwebt an mir vorbei.
Ich denke mir nichts dabei, bis ich die Schwingtür einer Kabine auf mache. Da sitzt ein Baby im Strampler auf dem Boden. Alt genug, um aufrecht sitzen zu können, aber noch weit entfernt von irgendwelchen Laufübungen. Der Kleine lacht mich an. Das muss wohl Marvin sein. Ich möchte ja nicht übervorsichtig sein, aber er macht den Eindruck, als würde es ihm Freude bereiten unter den Kabinen, deren Wände nicht bis auf den Boden reichen, durchzukrabbeln. Mir solls recht sein, wenn er mich nackt sieht, wird ihm das sicher keinen Schock bereiten, aber andere könnten sich vielleicht durch ein Baby irgendwie unwohl fühlen, vor allem, wenn es so überraschend zwischen den Beinen auftaucht. Abgesehen von der Rücksicht den anderen Leuten in den Kabinen gegenüber, denke ich nur an zwei Sachen: Schwingtür und Babykopf. Etwas unschlüssig lächle ich Marvin an und halte die Tür fest, denn im Sitzen würde sie ihn sicher genau erwischen. Ich mache sie dann doch vorsichtig zu und schaue nach der Mutter und entdecke sie bei den Herrenhemden, einige Meter weg von den Umkleiden und sie könnte Marivn höchstens im Auge behalten, wenn sie einen Röntgenblick inklusive Adleraugenfunktion hat. Aus der Ferne höre ich noch ihr verträumtes: „Marvin….kommst Du, Schatz?“
Ich bleibe noch eine Weile bei Marvin stehen, denn ich bin neugierig, wie das ganze ausgeht und will auch nicht, dass der Kleine eine Platzwunde als erstes Andenken aus einem H&M mit nach Hause nimmt.
Mama erbarmt sich dann irgendwann und holt Marvin aus dem Kabinenwunderland ab und beginnt ihm wunderbar zu erklären, wieso Mama ihn geholt hat.
Irgendwie werde ich neugierig und schaue mir die zwei noch eine Weile an. Ein gut aussehender Mann kommt auf die beiden zu und nimmt den kleinen Marvin auf den Arm. Das ist dann wohl Papa. Er trägt seinen Sohn weit ausladend auf die Hüfte gestützt durch den H&M und schaut sich um. Ich beginne schon das Interesse zu verlieren, als Papa sich mit Marvin durch zwei Kleiderständer quetschen will. Er könnte etwas sagen oder einfach Marvin nur näher an seine Brust nehmen und hätte schon verhindert, dass sein Gegenüber halb in die dreiviertel langen Mäntel hechten muss oder Marvin mit der jungen Frau zusammen prallt.
Aber man hat ja ein kleines Kind. Da müssen die Anderen schon Verständnis haben, dass man so gestresst ist und nicht immer auf Andere oder das eigene Kind achten kann. Das müssen dann schon die Anderen machen. Wenn nicht, sind es egoistische Kinderhasser, die nicht wissen, was man heute so auf sich nimmt, wenn man sich für ein Kind entscheidet.